Schöne neue Lernfabrik 4.0 – So ein Quatsch

geschrieben am: 31.10.2018 von: Oliver Haberger

Im letzten Blog fragten wir uns, ob man Lernen simulieren kann. Und im aktuellen Newsletter sprachen wir über die neuesten Erkenntnisse des digitalen Lernens.

Entwicklungspsychologen haben festgestellt, dass wir eine ganz besondere Reizreaktionsumgebung für das Lernen brauchen. Als einer der ersten hat dies in den 1940er Jahren der Schweizer Wissenschaftler und Pionier der kognitiven Entwicklungspsychologie Jean Piaget anhand eines Modells mit vier dezidierten Entwicklungsstufen des jungen Menschen nachgewiesen. Wir Menschen lernen auf ganz besondere Weise durch

Assimilation, Akkomodation und Äquilibration

Was ist das? Durch Implementierung von neuen Gesichtspunkten innerhalb eines bestehenden Wissenskomplexes, assimilieren wir neu hinzukommendes Wissen desselben Subjekts, durch Rückschlüsse auf unser bisheriges Wissen machen wir das neu Gelernte „passend“.

Bei ganz neuen Inhalten fügen wir eine neue Anwendung hinzu, wir schaffen eine neue Kategorie, das ist die Akkomodation. Anpassen und Neuschaffen wechseln sich ständig ab und sind bei einem gesunden Menschen in einem Gleichgewicht, das nennt Piaget Äquilibration.

 

Lernen folgt ein Leben lang denselben Regeln

Alle diese Vorgänge geschehen vorwiegend im limbischen System und alle Sinne sind beteiligt. Fehlt ein Sinneseindruck aus einem der sensorischen Fähigkeiten, wie dem Riechen, Tasten, Fühlen, Hören und Sehen des Menschen, wird dieser Teil in der Regel vom Gehirn so gut wie möglich kompensiert. Wir sehen etwas und projizieren dabei innerlich das Gefühl, wie es sich wohl haptisch anfühlen mag. Dies verstärkt die Qualität des Merkens und die Erfahrungswerte. Fehlen jedoch mehrere Sinnesreize wird es schwierig; fehlen viele ist es noch schwieriger, das Aufgenommene überhaupt adäquat abzuspeichern.

Bei digitalem Lernen wie bei Webinaren oder in virtuellen Klassenräumen, sowie auch durch Lernvideos, fehlt mehrheitlich das direkte sensorische, dynamische bzw. ganzheitliche Erleben. Computerspiele und Simulationen bezeichnet man eher als statisch.

Alle neueren Studien zeigen, dass wir hier als Weiterbildungsexperten nochmals umdenken müssen und entsprechende pädagogische Konzepte für den Umgang mit digitalem Lernen entwickeln müssen. Dies ist kein Abgesang an das digitale Lernen an sich, sondern nochmals die Herausforderung an die Weiterbilder, tiefer in die Materie einzutauchen, um zu begreifen, dass Lernen eines der komplexesten Vorgänge in der menschlichen Natur ist.

 

Warum viele Webinare so ermüdend wirken

Langeweile ist immer ein Zeichen einer Unterforderung. Ein Grund, warum Webinare für viele Menschen langweilig sind. Lernsituationen sind kaum erforscht, das einzige was wir nun sicher wissen ist, dass unser psychosoziales Reizreaktionssystem nicht für eine digitale Lernkultur geschaffen ist. Lernen insgesamt ist ebenfalls bisher noch wenig erforscht. Und Lernen effizient zu gestalten, ist eine der riesigen Herausforderungen an unsere psychologischen, pädagogischen und sozialen Forschungseinrichtungen.

Bisher sieht am ehesten noch die Industrie in der Lernanwendung einen technologisch-ökonomischen Treiber für Umsätze und Wettbewerb. Die Panikmache, den digitalen Anschluss nicht zu verlieren, ist dabei die Welle, die ausgenutzt wird.

Für Unternehmen und deren prozessualen Strukturen ist Panik tatsächlich angebracht, doch für die pädagogischen Prozesse völlig fehl am Platz. Für Unternehmen, die sehr von Prozesssteuerung und Return-Optimierung getrieben wird, ist jedoch Pädagogik eher ein Wort, welches man als Bezeichnung für eine Kindergärtnerin hernimmt und die brauchen wir ja gar nicht. Pädagogik im ureigenen Sinne ist tatsächlich aus dem griechischen übersetzt die „Wissenschaft der Kindesführung“. Über die Definition gibt es große Auseinandersetzungen, doch seit den 1960ern beschäftigt sie sich mit beinahe allem sozialen Verhalten. Nach Kant handelt es sich um eine Handlungswissenschaft. Nach Dieter Lenzen, Erziehungswissenschaftler, Autor und Präsident der Universität Hamburg, ist Pädagogik die Lehre, Theorie sowie Wissenschaft aufgeteilt in die Erziehung und Bildung von Kinder, sowie die Bildung von Erwachsenen (Andragogik) in unterschiedlichen pädagogischen Feldern wie Familie, Schule, Freizeit und Beruf.

 

Wissen Sie was Andragogik ist?

Sie gehört zur Pädagogik wie die Agogik und die Geragogik. Die Andragogik ist die Wissenschaft, die sich mit dem Verstehen und Gestalten der lebenslangen Bildung des Erwachsenen in beruflichen, sozialen, politischen und kulturellen Feldern beschäftigt. Das Fundament ist die selbstständige Eigenverantwortlichkeit eines Erwachsenen, auch mit der Ausrichtung auf die Entwicklung der Persönlichkeit. Pädagogik ist also ein fundamentaler Baustein von jeglichem Lernen und sollte entsprechend von Unternehmen bei der Planung von Weiterbildung ganz sicher eine zentrale Rolle spielen.

Das Abfeiern von Seminaren und der digitale Versuch, Wissen zu implantieren, ohne jegliches zugrunde gelegtes pädagogisches Konzept, ist der ineffizienteste Weg der Weiterbildungsstrategie und eine Geldvernichtungsmaschinerie.

Warten Sie nicht auf die Lernfabrik 4.0. Die Wissenschaftler sind sich alle einig, die wird niemals den Lehrer oder Dozenten ersetzen. Dies ist schlicht ein Traum von technologiebegeisterten Experten ihres digitalen Faches, die sich aber kaum mit der menschlichen Natur beschäftigt haben.

 

Digitales Lernen ist Lichtjahre von effektiver Wissensimplantation entfernt

Das Präsenzseminar ist mit physisch anwesenden Teilnehmern laut allen Studien die effektivste Art, Lernstoff zu verarbeiten, insbesondere wenn Dozenten praxisbezogene pädagogische Konzepte anwenden. Der wieder einmal aufstehende Nürnberger Trichter ist auch mit der Digitalisierung nicht zu schaffen. Digitalisierung ist inzwischen überlebenswichtig und hiermit von uns in keinster Weise in Frage gestellt. Menschliche Vorgänge, wie das Lernen, beruhen zutiefst auf unsere psychologischen, pädagogischen und sozialen Mechanismen. Lernen wird nie digital funktionieren. Unterstützen und fördern, sowie anreichern, dazu sind digitale Anwendungen hervorragend, doch auch da hat sich ein erstaunliches Phänomen gezeigt.

Wendet ein Proband einen digitalen Helfer an, wie ein Online-Tutorium, oder übt mit einem interaktiven Wissens-Parcour, ist die rezeptive Wirkung, also das Maß der Aufnahmefähigkeit, geringer, als wenn ein lebendiger Tutor neben dem Computer und Proband steht und durch den Parcour führt. Diese feinen Unterschiede machen immerhin einige Prozente bei der Effizienz des Lernens aus.

Beim MANAGER INSTITUT führen wir Präsenzseminare und Workshops durch, mit dem Zweck durch die physische Präsenz die größtmögliche Effektivität bei der Aufnahme von Wissen sicher zu stellen und durch die sorgsam gewählten pädagogischen Tools bestmögliche Effizienz der eingesetzten Mittel zu ermöglichen.

Rufen Sie uns an und nutzen Sie das Expertenwissen unserer Weiterbildungs-Berater.

 

Ihr O.H.

PS: hier der Link zu unseren Angeboten. Wenn es um Weiterbildungskompetenz geht, landet man früher oder später auf der Webseite des MANAGER INTSITUT

 

 

 

Kommentar schreiben